06.04.2017 - Call for Papers / Participation
Fachinformationsdienst Darstellende Kunst

Call for Papers: Internationale Tagung "Spuren des Tragischen im Theater der Gegenwart" vom 8.-10. November 2017 in Wien. Bewerbungsschluss ist der 31. Mai 2017.

Internationale Tagung 8. – 10. November 2017, Wien Spuren des Tragischen im Theater der Gegenwart veranstaltet vom tfm – Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft (Universität Wien) in Kooperation mit S:PAM – Studies in Performing Arts and Media (Ghent University) Spätestens seitdem Weltwirtschaftskrise, Terrorbekämpfung, Massenflucht und Migration gravierende globale Herausforderungen darstellen, erweist sich die von der Theaterwissenschaft bereits seit geraumer Zeit postulierte Wiederkehr des Tragischen im Theater der Gegenwart (vgl. z.B. Dreyer 2014, Lehmann 2014, Rokem 2000) als unübersehbar. Mag die inflationäre Bezugnahme auf Aischylos, Sophokles und Euripides auf den ersten Blick erstaunen, so deutet sie doch auf ein historisches Phänomen hin: Tragödienbearbeitungen erfreuen sich besonders in „Zeiten des Verfalls“ (Benjamin 235) großer Beliebtheit. Ebenjenem „Verfall“ scheint aber auch die dramaturgische Partikularität der Fragmentiertheit geschuldet, die die gegenwärtigen produktiven Rückgriffe auf das Tragische tendenziell prägt. So zeichnen sich aktuelle Tragödienbearbeitungen häufig durch einen zersetzenden wiewohl schichtenden Umgang mit den antiken Referenztexten aus. Zu denken wäre in diesem Zusammenhang etwa an Arbeiten von Volker Braun (Demos. Die Griechen Die Putzfrauen, 2015), Anne Carson (Antigonick, 2012), Elfriede Jelinek (jüngst Die Schutzbefohlenen, 2013-2016 und Wut, 2016), Ewald Palmetshofer (die unverheiratete, 2014), Yael Ronen (Antigone, 2007), Roland Schimmelpfennig (Die Bakchen, 2016) oder Lot Vekemans (Zus van, 2005). Andererseits stechen Stückentwicklungsprozesse ins Auge, die sich aus der kombinierenden Befragung unterschiedlicher (historischer) Tragödienbearbeitungen konstituieren, wie es etwa Produktionen von Felicitas Brucker (Ödipus, 2015), Romeo Castellucci (Ödipus der Tyrann, 2015), Jan Fabre (Mount Olympus, 2015), Stephan Kimmig (Ödipus Stadt, 2012), Martin Kušej und Albert Ostermaier (Phädras Nacht, 2017), Ersan Mondtag (Iphigenie, 2016), René Pollesch (Bühne frei für Mick Levcik!, 2016) oder ZinA Choi (Iphigenia in Exile, 2016) tun. Ausgehend von diesen Beobachtungen fragt die geplante Tagung danach, welche Spuren das Tragische in gegenwärtigen Theaterproduktionen und -texten hinterlässt und will den ästhetischen Verfahren nachgehen, die auf inszenatorischer und textproduktiver Ebene damit einhergehen. Nimmt man mit Walter Benjamin an, dass jede „Fortschreibung“ der Tragödie dem geschichtlichen (Tradierungs-)Kontinuum entspringt (vgl. Benjamin 226), so wäre danach zu fragen, welchen Geschichtsbegriff die rezent auszumachende Wiederkehr des Tragischen postuliert und welche politischen Implikationen sich daraus ergeben. Angedacht ist eine Auseinandersetzung mit (u.a.) folgenden Fragen: Wie wird Tragödie aktuell im Theater(-Text) gedacht? Wie verhält sich dieses Verständnis zu den drei fundamentalen Tragödientheorien, die die europäische Philosophie hervorgebracht hat, bzw. zu den Prozessmodellen der Teleologie (Aristoteles), der Dialektik (Hegel) und des Zyklus (Nietzsche), denen sie verpflichtet sind (vgl. Ette 87)? Ist der Begriff des Postdramatischen für die Beschreibung der gegenwärtig auszumachenden künstlerischen Auseinandersetzungen mit dem Tragischen ausreichend oder bietet es sich an, weitere Konzepte dafür fruchtbar zu machen – etwa die Gedankenfigur einer „Zeit von Koexistenz“, die Ulrike Haß in Anlehnung an Gilles Deleuze und Félix Guattari für die Analyse von Texten vorschlägt, die an vergangene Theatertraditionen andocken (vgl. Haß 121 ff.)? Wie verhalten sich die gegenwärtigen Tragödien-Befragungen zum „Gestus einer allegorischen Zertrümmerung des antiken Vorbilds“ (Primavesi 155), der den Tragödienfragmenten Hölderlins, Kleists und Büchners eingeschrieben ist? Wie gehen das Theater und die dafür entstehenden Texte in der Nachfolge Einar Schleefs ganz aktuell mit der „verschütteten Geschichte des Chors“ (Heeg 394) um und welche Rückschlüsse lassen sich daraus hinsichtlich eines Denkens von Gemeinschaft und Individuum ableiten? Wie wirkt sich die gegenseitige Einflussnahme von performativer Praxis und philosophischer Theorie in Hinblick auf den Tragödienbegriff aus? Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung adressiert TheoretikerInnen und PraktikerInnen aus dem Bereich der Darstellenden Künste sowie Geistes- und SozialwissenschafterInnen (Theater- und (vergleichende) Literaturwissenschaft, Klassische Philologie, Philosophie, Gender Studies etc.). Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Es wird um Themenvorschläge in Form von Abstracts mit einem Umfang von max. 400 Wörtern nebst Kurzbiografie gebeten, die bis 31. Mai 2017 an silke.felber@univie.ac.at zu übermitteln sind. Die Verständigung über angenommene Beiträge erfolgt bis Ende Juni. Eine Publikation (peer reviewed) der Tagungsbeiträge ist vorgesehen. Keynotes Ulrike Haß (Ruhr-Universität Bochum) Hans-Thies Lehmann (Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt) Freddie Rokem (Tel Aviv University) Konzept Silke Felber (Universität Wien), Charlotte Gruber (Ghent University) Literatur Benjamin, Walter: Ursprung des deutschen Trauerspiels. In: Ders.: Abhandlungen. Gesammelte Schriften I.1. Hg. v. Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2013 (= suhrkamp wissenschaft 931), S. 203-430. Dreyer, Matthias: Theater der Zäsur. Antike Tragödie im Theater seit den 1960er Jahren. Paderborn: Fink 2014. Ette, Wolfram: Die Tragödie als Medium philosophischer Selbsterkenntnis. In: Feger, Hans (Hg.): Handbuch Literatur und Philosophie. Stuttgart / Weimar: Metzler 2012, S. 87-122. Haß, Ulrike: „Wie ist es möglich, Theater ausschließlich mit Texten aufzustören?“ E-Mail-Wechsel mit Monika Meister. In: Janke, Pia / Kovacs, Teresa (Hg.): Postdramatik. Reflexion und Revision. Wien: Praesens 2015, S. 119-128. Heeg, Günther: Tragik. In: Fischer-Lichte, Erika / Kolesch, Doris / Warstat, Matthias (Hg.): Metzler Lexikon Theatertheorie. Stuttgart / Weimar: Metzler 2014, S. 388-394. Lehmann, Hans-Thies: Tragödie und dramatisches Theater. Berlin: Alexander Verlag 2014. Primavesi, Patrick: Tragödie, Fragment und Theater. In: Bierl, Anton / Siegmund, Gerals / Meneghetti, Christoph / Schuster, Clemens (Hg.): Theater des Fragments. Performative Strategien zwischen Antike und Postmoderne. Bielefeld: transcript 2009, S. 147-164. Rokem, Freddie: Performing history. Theatrical representations of the past in contemporary theatre. Iowa City: University of Iowa Press 2000.